In der betreuten Seniorenwohnanlage in Neuenbürg, nahe Pforzheim, pflegt die fast 60jährige Rose Söylemez ihre Mutter. Schwungvoll öffnet sie Besuchern ihrer Mutter die Tür, wendet sich ihr aber gleich wieder zu. „Na, Mama, wie geht es Dir?“
Sie beugt sich zu der älteren Dame hinab, lächelt und streicht ihr über die Wange. Seit zwei oder drei Jahren, da ist sie sich nicht mehr so sicher, pflegt sie ihre Mutter, die „plötzlich drei Liter Blut spuckte.“ Ihr Gesicht wird bleich, wenn sie sich zu Hause in ihrer großzügigen und gemütlich eingerichteten Wohnung im Karlsruher Stadtteil Kirrlach an diese Szene zurückerinnert: „Mutter konnte nicht mehr richtig schlucken, die Schilddrüse hat auf eine Ader gedrückt und ihr schoss das Blut aus dem Hals.“ Die selbstbewusst und ausgeglichen wirkende Frau senkt den Blick und erzählt reumütig: „Früher“, erinnert sie sich, „war ich nicht so reif, ich habe erst begriffen, worauf es ankommt, als die Demenz kam. Ja, ich war manchmal schon egoistischer!“
Früh festigte sich das Band zwischen Mutter und Tochter
„Die Mama war zu dem Zeitpunkt alleine“, erzählt Rose und lächelt stolz - Stolz auf ihre Mutter, die sie und ihren Bruder alleine aufzog. Ihren Vater hat sie nur ein - oder zweimal gesehen, „als er sie von ihrer Mutter mit zu seiner Frau nach Backnang, (nordöstlich von Stuttgart), mitnehmen wollte.“ Ein Teil ihres Selbstvertrauens fällt von der resoluten, am 15.06.1949 in Pforzheim Geborenen ab, wenn sie von der Zeit nach der Schule erzählt. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, heißt ein altes Sprichwort. Getreu diesem sei sie „immer ausgebrochen, wenn mir was nicht gefallen hat.“ Nach der Hauptschule besuchte sie „drei oder vier Jahre“ eine hauswirtschaftliche Berufsschule in Pforzheim. Eine Lehre als Verkäuferin daran anschließend hat sie abgebrochen. Von einem Haus für sozial Schwache, das sie zeitweise alleingeführt habe, erzählt sie. Wer der Inhaber dieses Haus gewesen sei oder welche Funktion es hatte, daran erinnert sie sich nicht.
„Meine Chefin ist der einzige Mensch neben meiner Mutter, der an mich glaubt“
Der warme Blick wandelt sich in einen Ausdruck des Kampfes: „Ich bin wie Robin Hood, ich will denen geben, die nichts haben.“ Hilfsbereit ist sie stets, deshalb wird sie von ihrer Chefin als Fachkraft einer Karlsruher Reinigungsfirma geschätzt. Gerade diese Vertrauensperson wurde schon Opfer ihres, fast schon kindisch wirkenden, Stolzes. Mit ihrem Geschäftsauto, das sie mit Erlaubnis ihrer Chefin auch privat nutzen kann, fährt sie am Wochenende stets zu ihrer Mutter. Als dieses einmal defekt war, besorgte sie sich kurzerhand ein neues – um schnell wieder bei ihrer Mutter zu sein. „Leider hat sie mir nichts davon gesagt und sich keine Genehmigung besorgt, was mir schon Schwierigkeiten bereitet hat“, lässt ihre Chefin dieses Erlebnis Revue passieren. Schweigsam sei Rose nach der Arbeit im Auto ihrer Chefin gesessen, weil sie es nicht eingesehen hatte, warum diese eine Nachfrage so wichtig gewesen sei. „Zuviel Bürokratie ist doch nur oberflächlich!“
Allein, aber nicht einsam
Oft betont sie, dass es ihr besser ginge, seit sie allein lebe. 15 Jahre lang war sie mit einem türkischen Mann verheiratet, der wie aus ihren Erzählungen zu schlussfolgern ist, seiner Kultur mehr Wert beimaß als der Liebe zu seiner Frau. Ein Foto in ihrem Schrank zeigt sie und ihren Mann. Ihr trauriger Blick entlarvt sie. Viel hat sie in diese Beziehung investiert. Jetzt teilt sie diese Zeit mit ihrer Mutter.
Sonntags, 11 Uhr. Rose lächelt, öffnet die Tür. Unter diesem Lächeln versteckt sie die Augenringe, die ihr eine schlaflose Nacht bescheinigen. Oft fühlt sie sich hilflos, dann zum Beispiel, wenn ihre Mutter sie nicht erkennt. Dann wird sie wütend und wendet sich hilfesuchend an die Altenpflegerinnen. Das Gefühl der Wut sei in so einer Situation normal, sagt sie. Sie habe es angenommen, aber akzeptieren kann sie es nicht. „Von unserer Welt in diese Welt abzuschalten ist schwierig und wahnsinnig anstrengend. Acht Stunden Arbeit sind weniger schwer als eine Stunde bei ihr, aber wir arbeiten ganz gut zusammen.“ Sie nimmt dabei ständig Auseinandersetzungen mit ihrem Bruder in Kauf. Er habe immer das Gefühl gehabt, sie werde von ihrer Mutter bevorzugt. Sie lächelt traurig, denn: „Ich bin ein Mensch, der versucht, wenn es möglich ist, alles mit Ruhe zu regeln. Ich bin ein Mensch, der versucht, nichts zu zerstören. Die Menschen, die mich kennen, wissen, dass sie sich auf mich verlassen können.“
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen