„An den radikalsten Stellen hat man am meisten zu lachen“ – Rainer Wieczorek liest die "Tuba-Novelle"
„Die ‚Tuba-Novelle‘ ist ein Versuch einer liebevoll-ironischen Geschichte der Moderne“, umreißt Rainer Wieczorek das Ziel seiner gerade im Berliner Dittrich-Verlag erschienenen ‚Tuba-Novelle‘. Damit begrüßte der gut gelaunte Darmstädter Lehrer und Autor seine jungen und alten Gäste zu seiner Lesung am Donnerstag im Künstlerkeller des Darmstädter Schlosses. Sehnsüchtig hatten seine Kollegen, Schüler und Freunde den zweiten Band seiner Novellen-Trilogie und Nachfolger von „Zweite Stimme. Eine Künstlernovelle“ (das Echo berichtete) erwartet. Um die Aufmerksamkeit seines Publikums nicht überzustrapazieren, kündigte er gleich zu Beginn der einstündigen Lesung eine Pause an, auch um dem Pathos entgegen zu wirken, der ihn befällt, wenn er an seine ersten Schritte in der Darmstädter Literaturszene denkt.
In der Tat ist der Inhalt seines Buches keine leichte Kost. Wieczorek hatte sich ausgerechnet den Existenzialisten Samuel Beckett (1906-1989) als Gegenstand vorgenommen, über dessen Schreibprozess der Essayist in der Novelle reflektiert. Als Künstlernovelle, die sich um die Themen „Schreiben“ und „Musik“ dreht, war das Buch angekündigt worden. Eberhard Stockinger von der Akademie für Tonkunst begleitete den Autor im zweiten Teil der Lesung auf der Tuba. So sorgte diese während der Lesung immer wieder für kleine vom Autor angekündigte „Störungen“, die die Irritationen im Schreibprozess des Essayisten beschrieben. Der Essayist erhofft, durch ein Werk über Becketts Erlebnisse in Ussy-sur-Marne seinem Schreibstipendium näher zu kommen. Beide, Beckett und der Essayist, durchleben einen Weg des Schreibprozesses, der gepflastert ist von depressiven Phasen und Schreibblockaden. Die Tuba-Klänge sorgen dabei stetig für eine Neuentstehung des Werks mittels Reduktion auf das Wesentliche bei Erlangung neuer Kreativität. Die Frage nach der Bedeutung der Kunst in der Moderne durchzieht die ganze Trilogie des Autors. So gelangt sie durch ihre Reduktion auf das Wesentliche zu neuer Wirkkraft. Im Existenzialismus entwirft sich das Individuum ständig selbst, getrieben von einer in Unsicherheit mündenden Freiheit. Das eigentliche Thema des Buches ist aber die biographisch orientierte Suche Becketts nach seinem Vater. Es ist die Geschichte eines Sohnes, der nicht zum Vater kommen kann und deshalb in dessen vermeintlicher Abhängigkeit seine Existenz verliert. Stockingers Pianissimo unterstrich diesen Bedeutungsverlust des Sohnes während der Lesung. Mit der Marcello-Sonate in F-Dur entstanden Becketts trübe Gedanken an seinen Vater. Die Reflexion über die Musik sorgte für Ablenkung von der sinnentleerten Sprache des Existenzialismus‘. Heftiger Beifall des Publikums in den Lesepausen bestätigten die Beliebtheit von Autor und Buch. „Die ‚Tuba-Novelle‘ ist ein geistlich-radikales, aber auch humorvolles Buch. An den radikalsten Stellen hat man am meisten zu lachen“, versprach Wieczorek am Ende der Lesung.
Rainer Wieczorek: Tuba-Novelle. Dittrich-Verlag, Berlin, 2010, 120 Seiten,14.80 Euro
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